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Mirko Bialas

Eine Ungeduld des Herzens

Dolf Sternberger: „Betreuung“. In: ders., Wilhelm Emanuel Süskind, Gerhard Storz: Aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Frankfurt / M.; Berlin: Ullstein, 1989 [1945/1967]                                                                                

In unserer Bibliothek findet sich seit neuestem ein Buch, dessen Lektüre allen wärmstens ans Herz gelegt werden soll. Es handelt sich nicht eigentlich um ein Buch, sondern vielmehr um ein Nachschlagwerk, ein Lexikon, ähnlich dem Duden, allerdings für die Propagandabegriffe der Nazizeit: Aus dem Wörterbuch des Unmenschen von Dolf Sternberger, W. E. Süskind und Gehard Storz. (W. E. Süskind war der Vater von Patrick Süskind, des Drehbuchschreibers von Monaco Franze und Kir Royal.[1]) Warum ist dieses Buch in den Bestand unserer Bibliothek gewandert? Kurz: In dem Buch wird das Wort „Betreuung“ aufgespießt als ein Unwort.

Wie Ihr sicherlich wisst, ist der Gedanke für Psychiatrieerfahrene nicht abwegig, einmal unter die Fittiche einer sog. Betreuung zu geraten. So gibt es z. B. den sog. gesetzlichen Betreuer und es gibt die sog. betreuten Wohnformen. Diese beiden Arten von Betreuungen haben an sich nichts miteinander zu tun, benutzen aber dasselbe Wort. Das führte bereits zu zahlreichen Missverständnissen, was allein bereits, wie ich finde, Grund genug ist, den Sprachgebrauch zu überdenken.

Dass das Wort gesetzliche Betreuung auch nach Ablöse des sicherlich noch heftigeren Wortes Vormundschaft immer noch nicht perfekt gewählt ist, darauf machen insbesondere Menschen mit Behinderung aufmerksam. Wer mit einem gehandicapten Menschen einmal zu tun hatte, konnte sich schnell überzeugen, dass Betreuer unwillkommen sind, nicht aber Assistenten. Das hat seine Gründe darin, woher das Wort stammt, wie es im Sprachgebrauch geprägt wurde und welche Bedeutungen mitschwingen. All das erfährt eine Beleuchtung im Aus dem Wörterbuch des Unmenschen.

Um evtl. Missverständnissen vorzubeugen: Es geht hier nur um das Wort, es geht nicht um die Personen, die die Betreuung veranlassen oder durchführen. Die können ihren Job gut, schlecht oder gar nicht machen, das spielt für das Wort und seine Bedeutung eigentlich keine Rolle. Es geht hier also nicht darum, die Betreuer zu kritisieren oder anzuprangern, so sehr Missstände vorkommen. Es soll in erster Linie nur um die Betreuung als Wort gehen, gleichwohl jedes Wort natürlich zurückstrahlt auf den Alltag derjenigen, die diese Wörter benutzen oder die es aushalten müssen.

Bevor die Analyse des Wortes im Folgenden in Auszügen wiedergegeben wird, um sozusagen Geschmack zu machen auf dieses Buch, noch kurz zu dem, was die Autoren unter einem Unmenschen verstehen. Aus dem Wörterbuch des Unmenschen klingt vielleicht etwas emotional. Wird man nicht, wenn man den Nazis ihr Menschsein abspricht, selbst zu einem Unmenschen? Dafür ist es hilfreich zu wissen, dass die erste Auflage des Buches bereits 1945 erschien, als die überwiegende Zahl der Mitbürger Nazis waren und man versuchte, ihrem Nazismus mit allen Mitteln Herr zu werden. So z. B. auch, indem man nicht das verunglimpfte, weil als „weichlich“ angesehene Wort, Humanität benutzte, sondern das Humane zu retten suchte, indem man vom Gegenteil, dem Unmenschen sprach. Mit „Unmensch“ sind nicht direkt diejenigen gemeint, die von Betreuung sprechen. Aber die so sprechen übernehmen unreflektiert ein Wort, das geschaffen wurde, um andere am Ende zu vernichten.

 

Der Artikel Betreuung (geschrieben von D. Sternberger) gliedert sich in die beiden Teile „Worterklärung“, in der der Aufbau des Worts analysiert, und „Anwendung“, in dem sein Gebrauch reflektiert wird. Schließlich findet sich im Anhang noch eine umfangreiche Dokumentation der Kontroverse, die sich rund um das Wort anschließt und die die Diskussion um das Buch entscheidend prägte.

Die Analyse des Wortes:

  1. Das Wort Betreuung fördert die Fremdbestimmung des Betreuten: Es ließe „unangenehm wenig Spielraum für den Tätigkeitsdrang“, schreibt Dolf Sternberger, in dem Sinne, dass das Wort Treue nie ohne Beiwerk (nie allein stehend) vorkomme. Wer also im Zusammenhang mit Treue aktiv werden will, findet immer schon Vorprägungen, die die Aktivität des Betreuten Treue für sich allein reicht nicht. Eine Art und Weise von Treue ist vorherbestimmt, so dass Treue fremdbestimmt.
  2. Derjenige, der betreue, stehe immer im Dativ: Von wem wird jemand betreut? Dieser grammatikalische Fall regle ein Verhältnis nicht substantiell und korreliert damit nach Meinung des Autors mit einer Unschärfe. D. h. während das Verhältnis des Betreuten fest geschrieben ist, ist die Rolle des Betreuers das gerade nicht, und von daher bleibe dieser „in sich selbständig, gültig und frei“. – Wieder diese Schieflage: Nicht der Betreute ist der aktive Teil, sondern derjenige, der betreut. Der Betreute hat nichts zu sagen, es regelt der Betreuer, was geschieht, auch wenn die Intention des Gesetzgebers (der Betreuer solle den natürlichen Willen – wieder so ein unscharfes Wort – des Betreuten ausdrücken) die umgekehrte ist.
  3. Auffällig ist das „be-“, die Vorsilbe „be-“. Diese Vorsilbe drücke in der deutschen Sprache nicht nur eine reine Passivität aus, sondern regelrecht eine Unterwerfung. In Analogie zur Benutzung von Wörtern, die ebenso wie die „Betreuung“ die Vorsilbe „be-“ vorne hin anstellen, verliere der „be…ete“ den eigenen Willen oder die eigene Freiheit „wie der Aufgeregte, der darum der ‚Beruhigung‘ bedarf, oder seine freie Vernunft wird umgangen und für nichts geachtet wie beim Betrügen oder Benutzen.“ – Ähnlich beim Betreuten. Das Subjekt kann oder darf zwar noch seine eigene Vernunft und Sinne wahrnehmen. Aber nur um diese einzutauschen gegen ein neues Abhängigkeitsverhältnis: „Die Betreuung ist diejenige Art von Terror, für die der Jemand – der Betreute – Dank schuldet.“ Der Artikel schließt hier den Bogen: „Und das tut dem Unmenschen wohl. Nur noch dieses Wohlgefühl erinnert an das Stammwort ‚Treue‘.“

Terror mag für heutige Belange etwas stark formuliert sein. Mit systematischem Vernichtungsterror haben wir es nicht zu tun. Dennoch bleibt ein fader Beigeschmack, wenn man bedenkt, dass sich zwar das Personal geändert hat, nicht aber die Struktur. Noch immer fällt der Betreute durch den Sprachgebrauch in eine Passivität, für die man von ihm im Vorhinein etwas erwartet, sei es Mitwirken, Kooperation oder Dank, egal wie zufrieden der Betreute in seiner Betreuung tatsächlich ist oder nicht ist. Wer die Zügel in der Hand behält ist klar: der, der vom Gesetz für zurechnungsfähig gehalten wird und nicht der, der die Hilfe braucht, hilflos ist. Dabei wird hier dem Vorschub geleistet, was Stefan Zweig Ungeduld des Herzens nannte: nicht das echte Mitgefühl regiert das Verhältnis von Betreutem und Betreuer; sondern eine Ungeduld, die den anderen in seinem Problem erstickt.

 

[1] Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Emanuel_S%C3%BCskind [zuletzt abgerufen am 26.09.2019]

 

 

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