Textbeiträge von Mitgliedern

Gottfried Wörishofer

Zuhause und doch nicht daheim?

Erfahrungen mit dem Wohnen

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich kann Ihnen keine Statistik über die Zufriedenheit psychisch Kranker in Wohngemeinschaften vorlegen. Ich habe wenig Ahnung von den Problemen in Ihrer „WG-Szene“. Ich weiß auch nicht besser als Sie, was psychisch Kranke im Großen und Ganzen denken und fühlen.- Schon deshalb nicht, weil es den psychisch Kranken garnicht gibt. Das allerdings weiß ich mit Gewißheit. Was eventuell gelingen könnte, sind einzelne, kaleidoskopartige Eindrücke, die weder vollständig sein wollen, noch verallgemeinerbar sind.

Die - für mich - erstaunlichste Erfahrung in der Selbsthilfearbeit ist eine, die ich in solcher Radikalität nicht erwartet hätte: Wir, jede und jeder, sind von einander radikal verschieden. Wie Personen eben verschieden sind. Wenn es doch einmal zu der Bemerkung kommt: „Ja, so geht´s mir auch!“, dann liegt es eher an der ungenauen Beschreibung und Beobachtung des Zustandes, als an einer wirklichen Identität des Erlebten und Erfahrenen. Identitätsfeststellungen gibt es offenbar nur auf dem Hintergrund vorgeschalteter, von Außen angelegter Beobachtungskonzepte, die immer schon von einer Gleichheit und niemals von einer radikalen Unterschiedenheit ausgehen.

Heißt das nicht, wenn schon die Psychiatrie- und Psychose-Erfahrenen keine Erlebnisidentität feststellen können, daß der einzelne Psychoseerkrankte - zumindest zeitweise - sein Leben in abgeschlossenen, beziehungslosen Bewußtseins- und Existenzräumen zubringt, sozusagen in psychischer Isolationshaft, trotz vorhandenen Sozialkontakts?

Das sind - obwohl unsichtbar - die fundamentalen Wohnverhältnisse, mit denen es psychisch kranke, psychoseerfahrene Menschen zu „tun“ haben. Erst in zweiter Linie geht´s um den faktisch-handfesten Wohnraum mit Bett, Stuhl und Tisch.

Zitate, die Ihnen nicht unbekannt sein dürften:

„Ich halt´ es nicht mehr aus in meiner Haut!“ oder: „Ich hätte aus dem Fenster springen wollen!“

Es gibt offenbar Zustände, die unmöglich sind, die einem keinen Raum mehr einräumen, um zu sein. Psychisch Kranke sind in ihrem Dasein-Können, in ihrem Wohnen auf dieser Welt, könnte man sagen, eminent bedroht - auch wenn sie eine Wohnung haben und gerade kein Vermieter mit einer Kündigung droht. Eine Zufriedenheit [1] mag sich nicht einstellen oder kippt ständig ab in das bloße „es gerade noch irgendwie und irgendwo auszuhalten“. Krisen sind dann immer Krisen des gesamten Sein-Könnens, das ohnehin geschmälert ist und sich dann akut verengt und zuspitzt.
Eine Kollegin hat sich einmal so ausgedrückt: „Eigentlich wohne ich in erster Linie in mir selbst.“ Demnach heißt psychisch-krank-sein nicht selten: bei sich selbst „obdachlos“ sein, nur schwer ein Unterkommen finden.
Warum ich darauf solchen Wert lege, dieses - letztlich - nicht dingfest zu machende Phänomen darzulegen, ist der Umstand, daß man bei aller Strukturdiskussion vergißt, daß die Struktur in dieser Ausweglosigkeit keine Abhilfe schafft.
Nur der Mensch (und vielleicht Gott, wenn man religiös ist) kann wieder Raum geben, ins Offene führen und Hoffnung (= Zeitraum) vermitteln (im Verstehen).
Die Struktur hingegen ist tot. Aber insofern notwendig, als sie dem Helfer ermöglicht, sich in bestimmter, vielleicht optimaler Weise anzubieten und präsent zu bleiben.
Um es in einer Metapher auszudrücken: Der Helfer, der Therapeut, der Betreuer, der Mensch verhält sich zur Versorgungsstruktur wie das Gemälde zum Rahmen, der Brillant zur Fassung. Das Gemälde spricht einen an; man schaut auf das Bild. Ohne Rahmen jedoch kann es nicht zur Geltung kommen.
Viele Betroffene halten mit Stil und Leidenskraft am Leben in den eigenen vier Wänden fest. Obwohl von Einsamkeit durchstimmt, wollen sie nichts daran ändern. Ihre Autonomie ist ihnen heilig. Die eigene Wohnung wird als Refugium empfunden, als Zufluchts- und Rückzugsort vor der Welt da draußen. Hier - nur hier ist es möglich, so zu sein, wie man will oder wie es einem gerade noch möglich ist. Daheim ist da, wo die Definitionsmacht über mein Verhalten ausschließlich bei mir liegt. Und wenn ich die bizarrsten Verhaltensweisen an den Tag lege! Und wenn ich 5 Tage lang im Bett liege, um wieder ins Lot zu kommen! Nur daheim wird niemandem sonst etwas zugemutet - außer dem Betreffenden selbst. Zuweilen muß man anerkennend von Lebenskunst sprechen, wenn man beobachtet, mit welcher Virtuosität Alleinsein bewältigt wird.
Mitunter ist aber das Alleinsein nicht mehr die Lösung des Problems, sondern zunehmend das Problem selbst. Jemand kommt in den toten Winkel, wo er weder allein, noch mit anderen sein kann. Es wächst jedoch die Einsicht, daß aus purem Kontaktmangel eine betreute Wohnform gesucht werden muß. Dies nötig zu haben mag als Kränkung empfunden werden, ähnlich wie man die Notwendigkeit von „Psychopharmaka“ als kränkend empfinden kann. Darüber hinaus muß ein Dünkel abgebaut werden, der gegen andere psychisch Kranke bestehen kann - erst dann sind die Leidensgenossen als mögliche Freunde entdeckt.
Wie auch immer: Ob jemand nach einem langen Klinikaufenthalt oder aus der eigenen Wohnung in eine betreute Wohngemeinschaft geht, gestalten sich Hoffnungen und Ansprüche sehr verschieden. Wünsche nach Geborgenheit - Räumen des Seinkönnens - lassen sich erfüllen, jedoch nur um den Preis eingeschränkter Freiheiten und reduzierter Selbstbestimmung. Geborgenheit bei vollem Erhalt der Selbstbestimmung - von dieser Vorstellung muß man sich verabschieden. Selbst in einer virtuell-idealen Wohngemeinschaft könnte das nicht funktionieren. Es scheitert an den Anderen, die ja gleichzeitig die große Chance sind! Willigt man also ein, in einer Wohngemeinschaft zu leben, bleibt von der Selbst- nur noch die Mit-Bestimmung übrig - in einigen Bereichen wenigstens. Eine Mitbestimmung allerdings muß es geben, und das nicht nur auf dem Papier, sondern im „wirklichen Leben“. Nicht nur bei der Aufstellung des Putzplanes, sondern auch bei so neuralgischen Punkten wie der Neubesetzung eines freiwerdenden WG-Platzes.
Leider kenne ich zu wenig Leute, die in WG´s leben. Das typische MüPE-Mitglied ist eher die oder der beschriebene Alleinlebende. Die wenigen Personenn aber, die ich befragen konnte, sagen übereinstimmend, wie wichtig ihnen die Gruppe der Mitbewohner ist oder war. Mit ihnen teilt man das unmittelbare Leben - sie können einem Freund werden oder... Feind.

Eine synergetische Besetzung in einer WG zu erreichen und das noch auf dem Wege eines Konsenses, scheint mir eine hohe therapeutische Kunst zu sein, die es verdient, geübt und gepflegt zu werden. Nicht zuletzt für die Erlangung therapeutischer Ziele ist eine - bildhaft gesprochen - biotopähnliche Gestaltung der WG m. E. eine unabdingbare Voraussetzung.

Es dürfte ein Irrtum sein, zu glauben, alles, was an Therapie, an Hilfe geschieht, müsse und würde durch die professionellen Therapeuten geschehen. Die Bewohner selbst verfügen über mehr oder weniger Ressourcen, um sich zu unterstützen, gemeinsam aktiv zu sein und sich gegenseitig im Verfolg von Interessen und Neigungen zu animieren.

Therapeuten und Betreuer, scheint mir, werden vorwiegend in tiefgreifenden Krisen beansprucht, wenn der solidarische Beistand befreundeter Mitbewohner nicht ausreicht oder sich die gesamte Wohngemeinschaft von psychotischen Entwicklungen eines Bewohners bedroht fühlt.

Von den Therapeutinnen und Therapeuten erwartet man auch regulative Eingriffe, wenn die Gruppe selbst mit Fehlhaltungen Einzelner nicht mehr zurechtkommt. Man erhofft sich ebenso Unterstützung in bürokratischen Angelegenheiten.

Gesundheitspolitische Anmerkung:

Soll es im Rahmen eines Gemeindepsychiatrischen Verbundes (GPV) auf Seiten der Wohngemeinschaften eine Aufnahmeverpflichtung geben?

Nein. Wichtig und vorrangig ist die Gestaltung und Erhaltung des therapeutischen Milieus. Ein Mittel, um das zu steuern, ist notfalls die Nichtaufnahme eines Bewerbers.

Allerdings gilt es, wenn dies zugestanden wird, an die Selbstverpflichtung zu erinnern, einen sog. „schwierigen“ Patienten in der WG zu haben. Auch die Bewohner müssen sich darüber im klaren sein, daß es sich um eine staatlich geförderte Versorgungseinrichtung handelt, in der es zwar eine gewisse Mitbestimmung, aber keine restlose Selbstbestimmung gibt.

Ein Bewerber sollte nicht zu oft abgelehnt werden. Eine konkrete Zahl läßt sich selbst-verständlich nicht angeben. Es mag Personen geben, wo man schon die einmalige Ablehnung vermeiden muß. Mit anderen Worten, es muß eine qualifizierte Vorklärung und Vorauswahl erfolgen (Kundschafter)

Verfasser:

Gottfried Wörishofer

Münchner Psychiatrie-Erfahrene (MüPE) e.V.

Thalkirchner Str. 10/ I, 80337 München

Tel. 089/ 230 260 25

 

[1] ) „Wohnen“ heißt nämlich - etymologisch betrachtet - in seiner Grundbedeutung „Zufrieden-Sein“

(aus: Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 1975, S. 867)

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